Wege zum Licht ...

oder: Was hat der Goethe mit der Wetzlarer Optik zu tun?

Walter J. Schwab

Frei aber mit wahren Hintergründen erzählt die Geschichte, wie Optik und Fotografie zu einer Kernkompetenz in Wetzlar wurden. 

Vorwort für Ortsfremde

 

Wahr ist, dass ein Mensch namens Tile Kolup einst als falscher Kaiser nach Wetzlar kam, dass der Dom unvollendet ist, und dass Wetzlar vor 250 Jahren das oberste Gericht des „Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation" beherbergte.


Dieses „Reichskammergericht" wiederum war Anlass für einen junger Frankfurter namens Johann Wolfgang Goethe, als Praktikant für einige Monate in Wetzlar zu weilen. In dieser Absicht wenig erfolgreich - aber mit Muse und Zeit, sich in die adrette Charlotte Buff zu verlieben. Die war leider verlobt, wodurch der Sprössling einer alten Advokaten-Familie quasi zur Schriftstellerei getrieben wurde.


Mit seinen „Leiden des jungen Werther“ hatte er den Erfolg, der ihm bei Lotte verwehrt war.

 

Wahr ist auch, dass Pioniere wie Carl Kellner, Moritz Hensoldt und Ernst Leitz Wetzlar zu einer Optikstadt machten, in der bis heute hochwertige Optik-Produkte gefertigt werden.

 

Wetzlar, Reichskammergericht
Wetzlar. Das Haus mit dem Doppeladler beherbergte das Reichskammergericht.


Die Geschichte

 

Zwischen grünen Wiesen und sanften Hügeln lag die kleine Stadt an einem großen Fluss. Flache Furten führten von Ufer zu Ufer, bis eines Tages eine steinerne Brücke das Wasser überspannte. Das Reisen wurde sehr viel angeneh­mer, und der Weg zu einer großen Handelsstraße. Viele Kaufleute zogen durch die Stadt, um ohne Gefahr für ihre Waren den Strom zu überqueren. Sie kehrten in den Gasthäusern ein, kauften und verkauf­ten, und damit hielt zum ersten Mal etwas wie „Wohlstand“ bei den Bür­gern Einzug. Handwerk und Handel blühten auf, und bei den Stadtoberen reifte der Gedanke nach mehr - ein Wunsch nach Größe und Macht. „Wir wollen aus unserem kleinen Städtchen eine mächtige, berühmte Stadt machen!“, sprachen sie immer öfters zueinander, und sahen vor sich glanzvolle Zeiten.

 

 

Zunächst begannen sie, wichtige Persön­lichkeiten in ihre Stadt zu laden. Nicht viele kamen. Aber eines Tages stand wahrhaftig vor dem Tor … der Kaiser! Man fragte nicht „Warum kommt der zu uns?“, sondern war vor Stolz geblendet. Bürgerschaft und Magistrat jubelten, sahen ihr Ziel erreicht und dach­ten sich: „Wenn der Kaiser kommt, muss unsere Stadt schon sehr bedeutend sein!“ Aber der Kaiser war gar kein echter Kaiser! Und da die Sitten damals einfach und von eher grober Natur waren, ver­brannte man ihn kurzerhand. 

 



 

Jahre vergingen, und erneut reifte der Plan, das Ansehen der Stadt zu steigern. Nach vielen Disputen kam man überein: „Wir müssen eine Kirche bauen. Eine große. Die von weither sichtbar ist. Lasst uns einen Dom erbauen!“

 

Jetzt muss man wissen: Ein »Dom« ist ein Gotteshaus, das zu einem Bischof gehört. Nur - es gab in der Stadt weit und breit keinen Bischof! Wen wundert es also, dass das Schicksal dieser Anmaßung nicht tatenlos zusah! Nach anfänglicher Zuver­sicht geriet der Kirchenbau ins Stocken. Das Stadt­säckel war leer, der Bau beendet. Und so steht der Dom noch heute unvoll­endet mit nur einem Turm, so wie der Bau­meister samt seinen Gesellen ihn verlassen haben.

 

 

Ein dritter Versuch sollte nun die Stadt aus ihrem Schlaf erwecken. „Justitia soll in unsere Stadt einziehen und von hier aus Recht und Urteil sprechen.“ Ein »Hohes Gericht« wurde beschlossen, und es entstand das höchste und wichtigste im ganzen Reich. Viele neue Bürger zogen im Gefolge in die Stadt, und alles schien sich nun zum Guten noch zu wenden. Jedoch: Im weiten Land blieb die Gerechtigkeit meist auf der Strecke. Das vielbeschwor‘ne Recht - schwach gegen Geld und Einfluss - wartete vergeblich zwischen vielen taus­end Akten­deckeln. Und so kam es nicht ganz uner­wartet, als eines Tages dies Hohe Gericht in die Bedeutungslosigkeit versank. Und damit auch die Stadt.

 



 

Ratsherren und Bürger waren sehr betrübt, dass alles Streben so vergebens war. Doch eines Nachts erschien dem Bürgermeister ein alter Dichterfürst im Traum. Dieser war zu Lebzeiten in der Stadt gewesen und hatte wohl ein Stück Herzblut an sie verloren. Zumindest in ihr. Aber das ist eine andere Geschichte.  

 

Wie auch immer, er sprach über „Dichtung und Wahrheit“, und dass man nicht ständig Trugbildern folgen solle. In der Stadt selbst schlummere doch die Kostbarkeit, die es zu entdecken gelte! Und dieser Schatz sei dazu angetan, ein neues Bild der Welt zu schaf­fen. Das sei der Ursprung für die künftige Bedeutung dieser Stadt. So oder ähnlich sprach der Alte.  

 

 

Am nächsten Morgen rief der Bürgermeister alle Bürger und den Magistrat zusammen und schilderte seinen Traum. An jeden appellierte er, die Worte zu beherzigen und sich aufzumachen auf die Suche.

 

Viel Zeit verstrich, doch eines Tages klopften drei junge Burschen an die Rat­haustür. Ein jeder von ihnen trug ein Päckchen und ersuchte darum, den Inhalt den ungläubig und verblüfft blickenden Ratsherren vorzuführen. Schnell wurden sie in deren Mitte vorgelassen, und einer nach dem anderen offenbarte sein Geheimnis. 

 



 

Der Erste zeigte ein Instrument, durch das man mit dem Auge die kleinsten Dinge um ein Vielfaches vergrößert und ganz deutlich erkennen konnte. Unsichtbares wurde sicht­bar, um von den Gelehrten aufs Genaueste nun erforscht zu werden. 

 

Mikroskop aus Wetzlar, von Kellner oder Leitz

 

Der Zweite holte etwas hervor, das nicht für die Nähe, sondern für weit entfernte Dinge vorgesehen war. Die bunten Vögel in der Buche, das Reh, und selbst der Mond: Alles schien herangerückt, und seine Schönheit konnte andächtig betrachtet werden. 

 

Altes Fernglas von Moritz Hensoldt mit Dachkant-Prisma.

 

Der Dritte schließlich präsentierte einen Apparat, der das Geschehen wie durch Zauberhand festhalten konnte. Als ob die Zeit stillstehen und man einen Teil der Wirklichkeit ausschneiden und bewahren könnte. 

 

Alte Leica Kamera von Oskar Barnack und Ernst Leitz aus Wetzlar.


 

Die Ratsherren waren tief beeindruckt und lange sprachlos. Nie vorher hatten sie von solchen Dingen je gehört oder ähnliches gar selbst gesehen. Gelehrte, Handwerker­meister und Gesellen, Männer wie Frauen, machten sich nun daran, diese „optischen Geräte“ - wie man sie fachmännisch benannte - in ihrer überaus komplexen Art zu fertigen und immer kunstfertiger zu gestalten. Aus ihren Händen gingen unzähli­ge dieser Apparate hinaus in alle Welt, und machten aus der kleinen Stadt am Fluss die „Stadt der Optik“. 

 

Den alten Dichterfürsten, der sich zeitlebens mit Licht und Farben beschäftigt hatte, wird’s sicherlich gefreut haben.

 

ENDE

 

Alle Inhalte dieser Internetseiten, insbesondere Texte, Fotografien und Grafiken, sind urheberrechtlich geschützt (Copyright).

Das Urheberrecht liegt, soweit nicht anders gekennzeichnet, bei Walter Schwab.

 

Zuletzt aktualisiert im Juni 2026