Walter Schwab Fotografie Nepal

Nepal, Dezember 1987

Zur Adventszeit eine Freundin in Nepal besuchen ... und ihr Land lieben lernen.

Ob ich im Hüttenberg Journal etwas über unsere Touren nach Nepal schreiben kann? Aber klar, sehr gern! Am besten, ich gehe weit zurück und erzähle von unserer wichtigsten Reise, der ersten. Als wir ohne Internet und Handy, aber mit viel Neugierde und Optimismus kein anderes Land, sondern eine andere Welt erlebten. Intensiv und prägend. Viel Spaß beim Lesen!

Zwischen Indien und dem tibetischen Hochland erhebt sich das mächtigste Gebirge der Erde. Die Menschen nennen es ehrfurchtsvoll »Himal Alaya«, das bedeutet »Ort des Schnees«. An seiner Südseite liegt Nepal und reicht vom Mt. Everest bis hinab in die weiten Reisfelder der Ganges Tiefebene. Dazwischen, in einem fruchtbaren Tal und ringsum von Bergen geschützt, liegen die märchenhaften Paläste und Tempel der alten Königsstädte und das legendäre Kath­mandu. Ein Traumziel meiner Jugend. Aber Schule, Studium und die vielen alltäglichen Dinge ließen den Reisewunsch dorthin fast in Vergessenheit geraten. Bis ein Zufall zu Hilfe kam.

 

Walter Schwab, Nyatapola Pagode Bhaktapur
Bhaktapur, die kleinste der drei Königsstädte. Blick von der Nyatapola-Pagode auf den Bhairavnath-Tempel.

Mitte der 80er Jahre zog ich von Köln nach Stutt­gart und durch Glück in eine alte Villa und in eine illustre Wohngemeinschaft. Von irgendwoher schweb­te immer der Duft von Räuch­er­stäb­chen durch die ho­hen Räume. Meis­tens aus dem Zimmer einer jung­en Stu­dentin der Ag­rar­wissen­schaften mit Schwer­­punkt Tro­pen. Sie hieß Sushma und kam … aus Kath­man­du!

 

Im Früh­­jahr 1987 reiste sie zurück in ihre Heimat. Zu ihrer Familie und sehnlichst erwartet von ihrer kleinen Tochter Tara. Und um in ihrem Land Nepal zu arbeiten, von dem sie immer so voller Stolz erzählt hatte. Meine damalige Freundin und heutige Frau Edith und ich waren uns rasch einig, Sushmas »be­sucht mich mal« erst gar nicht lange aufzuschieben, und noch im gleichen Jahr starteten wir unsere erste große Reise. Mit neu­­esten Landkarten, Fotoausrüstung, dem üblich­en Gepäck plus einem DAV-See­sack voller Hilfs­güter von der Deutsch-Nepalischen Hilfs­ge­mein­schaft Stuttgart für das Bir Hospital in Kathmandu. Der Flie­ger ab Frank­furt musste defekt in Mün­chen landen und wir wechselten das Flug­zeug, und am Flug­hafen Kathmandu konnten wir eine Gruppe vom Deutschen Alpenverein gerade noch daran hindern, unseren Seesack in ihren Bus zu verladen. Aber sonst lief alles bestens. Es war Anfang Dezember, Zeit des Ad­vents, was ja »Ankom­men« bedeu­tet. Und vor uns lag eine gute Advents­zeit. 


Das verschlossene Königreich

Walter Schwab - Nepal Kathmandu Shiva Parvati Tempel
Vor dem Shiva Parvati Tempel am Durbar Square in Kathmandu.

 Die Landschaften Nepals sind ein Paradies für Trekker und Bergsteiger. Den sympathischen und friedlichen Charakter erhält das Land aber vor allem durch seine Menschen. Eine trotz Armut positive Ausstrahlung und ein starkes kulturelles Selbstbewusstsein zeichnen die Nepalis aus. 

 

Patan Nepal
In der alten Königsstadt Lalitpur, dem heutigen Patan.

Nie kolonialisiert, missioniert oder ander­weitig ihrer Identität ent­frem­det, konnten die vielen Volks­grup­pen wie die Gurung, die Newar oder die Sherpas ihre Religionen und Traditionen bewahren. Gegen­über Frem­den, so­weit sie über­haupt hin­ka­men, waren die Grenzen ver­schlos­­­sen. Als Nepal sie 1950 öff­nete, entdeck­ten die aus­länd­i­schen Be­sucher erstaunt und fas­ziniert eine fast ver­gessene Welt, die gerade wie aus einem Dorn­­röschen­schlaf er­wachte.

 

Umgekehrt schauten die Menschen von Nepal auf die seltsamen Gestalten, die nun ihr Land betraten. In den 50er Jahren waren es die Berg­steiger mit Ton­nen von Ausrüstung, die unablässig Gipfel »be­zwin­gen« mussten. In den 60er Jahren erschie­nen die Hippies, langhaarige junge Leute, die eigent­lich nichts taten, aber den freien Verkauf von Mari­hua­na und Haschisch schätzten. In den 70er Jahren wan­der­ten die ersten Trekker mit ihren Stö­cken durchs Land. Sie seien »schon zufrieden, wenn sie den gan­zen Tag wie das Vieh um­her­laufen« be­schrieb sie eine ältere Sher­pani. Und fügte hinzu »Aber wenn man sie gut füttert, geben sie gut Milch!« Der Touris­mus war entdeckt!

 

Walter Schwab - Prakash Shresta - Kathmandu
Ausflug mit Prakash.

In Kathmandu

Der 5. Dezember 1987 war ein angenehm sonniger Tag mit klarem Himmel. Sushmas älterer Bruder Prakash hatte uns vom Flug­hafen Kathmandu abgeholt. Am staubigen Straßen­rand verkauften Händler Obst, Stoffe und mit scharfen Gewürzen für bessere Haltbarkeit eingeriebenes Fleisch. Ein paar heilige Kühe trotteten langsam durch die Straßen.

 

Aus Richtung Innenstadt kamen uns Männer mit einem in safran­farbenen Tüchern ge­wickelten Leich­nam auf einer Bambustrage ent­gegen. Ihr Ziel sei Pashu­patinath, er­klärte Prakash und ein paar Tage später ging er mit uns auch dorthin. Für west­liche Besucher wie Edith und mich ein fremd­­artiger Ort. Für die Hindus wie Prakash aber ei­ner der hei­lig­s­­ten Plätze Nepals. Rauch­­­­säulen kündigen von weitem die bren­nen­den Holz­stöße an, auf denen die Körper der Verstor­ben­en dem Feuer übergeben werden. Stunden später wird die Asche vom Wasser des heiligen Flus­ses Bag­mati davongetragen­. Es ist ein Platz zum Inne­halten und der Medi­tation und Wohnort von »Sadhus« und Asketen. Für eine gute Wiedergeburt wünscht sich jeder Hindu, seinen Körper hier im heiligen Tempelbereich Pashu­patinath ver­lassen zu können. Alles ist Gott Shiva geweiht, dem mächtigsten unter den zahlreichen Hindugötter.

 

Walter Schwab - Swayambhunath Kathmandu Nepal
Buddhistischer Tempelkomplex Swayambhunath.

Im Westen Kathmandus thront auf einem Hügel die buddhis­tische Tempel­­­anlage Swayambhunath, Zeichen der zweiten großen Religion Nepals. Entlang von Reisfeldern fuhren wir mit Fahrrädern bis zum Fuß einer steilen Treppe, die zum großen, runden Stupa führte. Tau­sende bunter Gebets­fähnchen wehten im Wind und die Augen Buddhas blickten nach allen Richt­ungen über das Land. Dun­kelrot und orange­farben geklei­dete Mön­che, Gläu­bige und Ungläub­ige wie wir gingen gemächlichen Schrittes um das Heilig­­tum. Immer im Uhr­­zei­ger­­sinn, um die Gebets­­mühlen mit der rei­n­en, der rechten Hand zu be­rühren und zu drehen. »Follow­ers of any Religion are Welcome« stand am Eingang eines kleinen Tempels unten in der Stadt, und das galt bis auf ganz wenige Tempelbezirke überall.


Nach Tansen

Walter Schwab - Sushma Tara Kathmandu
Sushma, ihr Vater Bishnu Bahadur Shrestha und Tara.

Sushma und Tara wohnten in Tan­sen, etwa 300 Stra­ßenkilometer west­lich von Kathman­du. Für die ge­schätzt zehnstündige Fahrt hatte Prakash Tickets besorgt und brachte uns abends zum richtigen Nachtbus. Der war voll be­setzt, der Gang zuge­stellt mit Tasch­en, ver­schnür­ten Pa­keten und Säcken. Ab und zu mach­ten sich Hüh­ner be­merk­bar, die irgend­wo vorne zusam­men­gebun­den unter einem Sitz lagen, während der Bus stoisch auf holp­rigen We­gen durch die schwarze Nacht rum­pelte. Nach Mit­ter­nacht hielt er für eine längere Rast an einer spärlich beleuch­teten Hütte und wir konnten uns «Dal Bhat» holen, das alltäg­liche Ge­richt vieler Nepalis. Reis mit Lin­sen und Gemüse. Die Mitfahrer waren ge­nau­so müde wie wir und in sich gekehrt, aber es sprach ohnehin niemand Englisch. Ein paar Flöhe besuch­ten mich, sonst war es ruhig.

 

Walter Schwab - Bus in Nepal
Mit dem Bus unterwegs.

Ob wir geschlafen haben, weiß ich nicht mehr. Ir­gend­wann dämmerte der Morgen und im Nebel vor uns tauchte das Berg­städt­chen Tansen auf. Wir wa­ren da. Aus dem Bus geklettert, gestreckt und erstmal tief durchgeatmet, dann reichte je­mand unsere ver­staub­ten Rucksäcke vom Dach. Alles war da. In der Nähe muss Sushma schon länger ge­war­tet ha­ben, denn plötz­lich stand sie mit la­chen­dem Gesicht vor uns und schloss uns in die Arme.

 

Walter Schwab Nepal Tansen
Bei einem Maisbauer, Nähe Tansen.

Sie und ihre zweijährige Tochter Tara be­wohn­ten ein großes, gelbes Haus der Deut­sch­en Gesell­schaft für Technische Zusam­men­arbeit GTZ, bei der sie in einem Projekt zur Ver­bes­se­rung der Situation der viele Kleinbauern arbeitete. Dabei ging es um Saat­gut, Düng­ung, Frucht­fol­gen, Finanzen, oder ob die Sterne oder die Wetter­prog­nosen den Zeit­punkt der Aussaat festlegen sol­lten. Und ob manche seit Generationen unveränderte Anbaumetho­de viel­leicht doch mal hinterfragt werden kann. Wir be­glei­teten sie bei Ihren Besuchen in abgelegenen Bau­ern­­häusern, was regelrechte Bergtouren waren.

Die Tochter des Maisbauern.
Die Tochter des Maisbauern.

Pokhara, Nagarkot und Everest

In diesen Wochen sind wir gut und sicher mit Bus, Flugzeug und Taxi durch Nepal gereist. Nach Tan­sen folgte Pokhara mit seinem wunder­baren Fewa-See und ei­nem malerischen Blick auf die Berge der Anna­purna-Kette. König Birendra hatte diesen Platz für seine Sommerresidenz erkoren. Die Hip­pies fanden ihn auch paradiesisch und fühlen sich zum Ärger des Kö­nigs sehr wohl, worauf der den Ver­kauf von Canna­bis-Produkten einschränkte.

 

Walter Schwab - Pokhara, Birendra, Nepal
28. Dezember - Geburtstag von König Birendra Bir Bikram Shah Dev mit Strassenumzug in Pokhara.

Etwa 20 km östlich von Kathmandu lag am Ende ei­ner Gebirgs­kette Nagarkot und die Lodge »Niva Home« von Shyam. Ohne Strom, Telefon oder flie­ßend Wasser aber in großer Stille und mit einer unglaub­li­chen Aussicht. Shyam ver­sicherte, dies sei der beste Platz auf der Welt und sogar die Spitze des 140 km entfernten Everest wäre zu sehen.

 

Walter Schwab Nepal Nagarkot
Begegnung in Nagarkot mit Blick auf die Bergkette des Langtang Himal.

Apropos Everest: Tage später und nach einem Blick auf unse­re Finan­zen buchten wir zum Abschluss unserer Reise ei­nen »Mountain Flight«. Mit einer Propel­ler­maschine Rich­tung Osten in die Khumbu Region der Sherpas und zum höchsten Berg der Erde. Die Tibeter nennen die gewal­tige Fels­pyra­mide »Chomolung­ma – Mutter­göttin des Univer­sums«. Die Engländer benannten ihn nach ihrem ehemali­gen Land­vermesser in Indien, George Everest. Dem majestäti­schen Berg wird es egal sein.

 

Unsere späteren Reisen waren immer eine spannende Mischung zwischen Freunde besuchen, Kultur und Natur, die in diesem subtropischen Land nicht nur aus Bergen besteht. Wir haben Ta­ras Hochzeit gefeiert und den Mönchen im Klos­ter beim Rezitieren der Mantras zugehört, im süd­lichen Terai mussten wir zu Fuß vor einem Nas­horn flüch­ten und am 6400 m hohen Mera Peak im Schnee­fall umkehren. Alles war gut.

 


Walter Schwab, Bhaktapur, Nepal
Ein abseits gelegener Platz in Bhaktapur.